Die Entstehungsgeschichte des Concept-Mapping
Concept-Mapping als Methode wurde in den 1970er-Jahren von Joseph Novak und einem Forschungsteam an der Cornell University entwickelt. Dr. Novak war auf der Suche nach einem neuen Werkzeug, um explizite Veränderungen im begrifflichen Verständnis von Kindern zu beschreiben.
Sowohl er als auch seine Kolleg:innen an der Cornell University hatten die Theorien des Psychologen Jean Piaget über die kognitiven Entwicklungsstufen studiert. Piaget und andere Fachleute nahmen an, dass Kinder vor dem 11. Lebensjahr nicht in der Lage seien, abstrakte Konzepte wie die Beschaffenheit von Materie zu verstehen. Dr. Novak rief daraufhin ein Forschungsprojekt ins Leben, um kleinste Veränderungen in der Art und Weise zu beobachten, wie Kinder neue Ideen erlernten.
Das Ergebnis war ein neues Werkzeug, das vom Cornell-Team im Rahmen seiner Längsschnittstudie entwickelt wurde: die Concept-Map. Diese Diagramme waren denkbar einfach aufgebaut – sie bestanden aus nur ein oder zwei Wörtern zur Darstellung der Hauptidee, wobei Linien mit Verknüpfungswörtern eine sinnvolle Aussage bildeten. Die allgemeinsten Konzepte wurden am oberen Rand des Diagramms gruppiert, während sich die spezifischsten Begriffe ganz unten befanden.
Seitdem hat das Concept-Mapping enorm an Popularität gewonnen, da Fachleute aus den verschiedensten Bereichen – vom Bildungswesen bis zum Gesundheitswesen – die einzigartigen Vorteile dieser Methode erkannt haben.
Theoretisches Fundament
Concept-Maps basieren auf Ausubels Assimilationstheorie und Novaks Lerntheorie, die erklären, wie Menschen neue Informationen aufnehmen, indem sie diese in ihr bereits vorhandenes Wissen integrieren. Novak stellte fest: "Sinnvolles Lernen beinhaltet die Assimilation neuer Konzepte und Propositionen in bestehende kognitive Strukturen."
Durch sinnvolles Lernen, auf das unten näher eingegangen wird, erfolgt die Integration neuer Konzepte in unsere kognitive Wissensstruktur, indem neues Wissen mit bereits verstandenen Begriffen verknüpft wird. Eine Concept-Map liefert einen visuellen Nachweis der Verbindungen zwischen den Konzepten in unserer kognitiven Struktur. Der Ursprung von Concept-Maps liegt im Konstruktivismus begründet, welcher beschreibt, wie Lernende Wissen aktiv konstruieren.
Physiologisches Fundament
Kinder erwerben Konzepte von der Geburt bis zum dritten Lebensjahr, wenn sie beginnen, Bezeichnungen oder Symbole für Regelmäßigkeiten zu identifizieren, die sie in der Welt um sich herum beobachten. Dieses frühe, autonome Lernen wird als Entdeckungslernen bezeichnet. Ab dem dritten Lebensjahr beginnt der Prozess des rezeptiven Lernens, bei dem neue Bedeunungen durch das Stellen von Fragen und das Verstehen der Beziehungen zwischen alten und neuen Konzepten gebildet werden. Konzepte werden nun nicht mehr von den Lernenden selbst definiert, sondern von anderen beschrieben und an die Lernenden vermittelt.
Neben der Untersuchung dieser beiden Lernprozesse unterscheidet Ausubel auch zwischen auswendig gelerntem (mechanischem) und sinnvollem Lernen. Mechanisches Lernen findet statt, wenn kaum oder kein relevantes Vorwissen zu den neu präsentierten Informationen vorhanden ist und keine innere Bereitschaft besteht, neues und bestehendes Wissen miteinander zu verknüpfen. Das hat zur Folge, dass die Informationen schnell wieder vergessen werden.
Sinnvolles Lernen kann nur unter den folgenden drei Bedingungen stattfinden:
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Das neu präsentierte Material muss klar strukturiert und auf das Vorwissen der Lernenden beziehbar sein. Concept-Maps erweisen sich hierbei als hilfreich, da sie allgemeine, bereits vorhandene Konzepte der Lernenden sichtbar machen, auf denen aufgebaut werden kann.
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Die Lernenden müssen über relevantes Vorwissen verfügen, insbesondere wenn es darum geht, detailliertes und spezifisches Fachwissen in einem bestimmten Bereich zu verstehen.
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Während die ersten beiden Bedingungen direkt von der Lehrkraft gesteuert werden können, erfordert die dritte Bedingung die aktive Anstrengung der Lernenden, neue und alte Informationen miteinander zu assimilieren, anstatt sie lediglich stumpf auswendig zu lernen.
Die Abgrenzung zwischen mechanischem und sinnvollem Lernen ist als Kontinuum zu verstehen, da Individuen über unterschiedliche Mengen an relevantem Vorwissen und ein variierendes Motivationsniveau zur Wissensassimilation verfügen. Kreativität stellt auf diesem Kontinuum eine besonders ausgeprägte Form des sinnvollen Lernens dar.
Concept-Mapping erweisen sich als äußerst wirkungsvoll für sinnvolles Lernen, da es als Vorlage dient, um Wissen strukturiert zu organisieren, selbst wenn die Struktur Stück für Stück aus kleinen Einheiten interagierender Konzepte und Propositionen aufgebaut werden muss. Dieser Prozess ermöglicht die Anwendung von Wissen in neuen Kontexten und steigert die Merkfähigkeit. Zudem belegen Studien, dass unser Gehirn Informationen vorzugsweise in der hierarchischen Struktur organisiert, die für das Concept-Mapping charakteristisch ist.
Epistemologisches Fundament
Die Epistemologie (Erkenntnistheorie) ist der Zweig der Philosophie, der sich mit Wissen und der Generierung neuen Wissens befasst. Es besteht ein wachsender Konsens darüber, dass die Entstehung neuen Wissens ein konstruktiver Prozess ist, der sowohl unsere kognitiven Fähigkeiten als auch unsere Emotionen einbezieht.
Concept-Maps stehen in engem Zusammenhang mit konstruktivistischen Lerntheorien, bei denen Lernende aktive Teilnehmende und keine passiven Empfänger:innen von Wissen sind. Lernende müssen eine bewusste Anstrengung unternehmen, um Informationen, die sie bereits kennen, eine neue Bedeutung zu verleihen. Das Erstellen von Concept-Maps ist ein zutiefst kreativer Prozess, da Konzepte und Propositionen das Fundament für das Wissen in jedem Fachbereich bilden.